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Fürstin Marie von
Thurn und Taxis-Hohenlohe
Erinnerungen
An Rainer Maria Rilke

 
Princess Marie von
Thurn und Taxis-Hohenlohe
Reminisces
Of Rainer Maria Rilke

Loosely translated by your host

I.

Im Juni des Jahres 1922 war ich nach Sierre gefahren, um Rainer Maria Rilke aufzusuchen, der in Muzot wohnte und mir die Elegien vorlesen wollte, die er 1912 in Duino begonnen und erst nach zehn langen Jahren vollendet hatte.

 
I.

In June of 1922 I drove to Sierre [Switzerland] to visit Rainer Maria Rilke who was then living in Muzot and wanted to read me the Elegies which he had begun in 1912 at Duino and had finally completed after ten long years.

Warum habe ich damals nicht verstehen können, daß er ein Todgeweihter war... Habe ich jemals ein strahlenderes Gesicht gesehen, seligeren Worten zugehört? Er schien das Rätsel des Lebens gelöst zu haben; Freuden und Leiden, Glück und Unglück, Leben und Tod, allem stimmte er zu, alles nahm er hin, verstand er mit unbeschreiblichem Jubel. Und ich betrachtete ihn, hörte ihm zu, und war tief ergriffen, dieses sonst von so grenzenloser Melancholie erfüllte Gesicht auf einmal so verklärt zu sehen.   What I could not understand at that time was that this was a death omen... have I ever seen a more radiant face, or listened to more blessed words? They seemed to solve the mystery of life; joy and suffering, luck and misfortune, life and death- he embraced it all, assimilated it all, and accepted it with indescribable jubilation. And I contemplated it, listened to him, and was deeply moved by the site of his face, a face absorbed in such deep melancholy, yet at the same time, so blissful to behold.
Ich hätte es damals verstehen sollen: er hatte den Gipfel erreicht, die höchste Spitze erklommen und Gottes Antlitz erschaut - nun blieb ihm nur noch der Tod.   I should have understood it at that time: he had reached a summit and at the crest of this highest peak, God's face trembled - only death remained for him.
Und da der Tod gekommen ist und uns den unvergleichlichen Dichter, den lieben, treuen Freund entrissen hat, will ich hier meine Erinnerungen an ihn festhalten, Erinnerungen, die mir so teuer sind und es vielleicht auch denen sein können, die diesen einzigartigen, zu früh dahingegangenen Menschen gekannt und geliebt haben.   And since death has indeed come for our dear incomparable poet, snatching a faithful friend, I want to write my memories of him here, memories as dear to me as often are those thoughts tied to a person who has been so known and loved.
In meinen Notizbüchern finden sich deutsche, meist aber französische, zuweilen am gleichen Tag entstandene Aufzeichnungen. So wie sie geschrieben sind, gebe ich sie wieder, und ich beginne mit unserer ersten Begegnung im Dezember 1909 in Paris.   In my notebook I sometimes find German, but usually French, and occasionally both together accumulating on the same day. As I write this, I am revisiting the moments, and we begin with our first meeting in December 1909 in Paris.
Natürlich kannte ich die Mehrzahl seiner Veröffentlichungen und hatte bereits viel über ihn durch Dr. Rudolf Kassner, unsern gemeinsamen Freund, gehört. Eines Abends hatte Kainz in Wien Verse von ihm vorgetragen, die mir einen tiefen Eindruck hinterließen. Ich wußte auch, daß Rilke in Paris lebte, und schließlich, daß er für die Comtesse de Noailles schwärmte, die er einmal in Rodins Atelier flüchtig gesehen hatte.   Naturally I knew a majority of his publications and through Dr. Rudolf Kassner, our common friend, I heard the most wonderful things about him. One evening in Vienna, Kainz had recited some of his poetry which made a deep impression on me. I also knew that Rilke lived in Paris where his celebrity was known by Comtesse de Noailles, whom briefly saw him once in Rodin's studio.
Hier einige Zeilen, die ich kurz nach unserer ersten Begegnung niedergeschrieben habe:   Here are some lines which I wrote down just after our first encounter:
Ich war etwa vierzehn Tage in Paris und hatte die Comtesse de Noailles besucht. «Sagen Sie doch», fragte sie mich plötzlich, «wer ist Rainer Maria Rilke ? » «Rainer Maria Rilke», antwortete ich, «aber das ist doch einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands !» «Wirklich», sagte sie, lebhaft interessiert, «er ist wohl ein Dichter, denn denken Sie sich, ich erhalte von ihm ganz ungewöhnliche Briefe. » (Ich begann zu lachen, auch sie lachte.) «Ich möchte ihn eigentlich gerne kennenlernen. Sie kennen ihn, nicht wahr? Können Sie das nicht bewerkstelligen ?» «Ich kenne ihn, ohne mit ihm bekannt zu sein. Aber es wird wohl gehen. Kommen Sie zu mir zum Tee, und Sie werden Ihren Dichter finden.» So schrieb ich zum ersten Male an Rainer Maria Rilke und empfing den ersten, sehr liebenswürdigen Brief, in dem er meine Einladung annahm. Ich hatte hinzugefügt, daß ich für diesen Tag den Besuch der Mme. de Noailles erhoffe. Sehr pünktlich erschien der Dichter am Montag, dem 13. Dezember 1909. Ich war angenehm überrascht, zugleich aber auch ein wenig enttäuscht, denn ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt - nicht diesen ganz jungen Menschen, der fast wie ein Kind aussah; er erschien mir im ersten Augenblick sehr häßlich, zugleich aber sehr sympathisch. Äußerst schüchtern, aber von ausgezeichneten Umgangsformen und einer seltenen Vornehmheit. Fast sofort begannen wir wie gute alte Freunde zu plaudern. Er hatte gerade die «Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» beendet. Er sprach von diesem - und das berührte mich sehr seltsam - wie von einem lebenden Wesen, und nicht wie von einem Buch. Er war davon noch ganzerfüllt: «Ich glaube, ich habe da alles gesagt - mir bleibt nichts mehr zu sagen, aber auch gar nichts mehr... », wiederholte er bekümmert. Da ich damals dies schmerzerfüllte Werk noch nicht kannte, konnte ich ihn nicht recht verstehen.   I had been in Paris about a fortnight when the Comtesse de Noailles visited. "Do tell me", she asked, "who is Rainer Maria Rilke?" I replied, "Rainer Maria Rilke is one of the most important poets of Germany!" "Indeed", she concurred with lively inerest, "I can well imagine that he is a poet, because I receive the most exceptional letters from him." (I began to laugh, and she laughed as well.) "I should rather like to meet him. You know him, don't you? Couldn't you arrange it?" I asked. "I know him, without having met him. But it can surely be arranged. Come and have tea with me and you will find your poet." So I wrote for the first time to Rainer Maria Rilke and received his first very kind letter in which he accepted my invitation. I mentioned that I also expected the attendance of the Mme. de Noailles for the day as well. The poet arrived punctually on Monday December 13th, 1909. I was pleasantly surprised, but at the same time a little disappointed, because I had a completely different idea of him in my mind – not as such a young man who looked almost like a child; he appeared to me at first to be rather ugly, yet at the same time very pleasant, extremely shy, but of excellent manners and distinction. We began chatting like good old friends almost immediately. He had just finished "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge." He spoke of it - and it affected me very strangely - like it had the nature of a living thing, not merely a book. He was still whole-filled of it: "I believe, I said everything there - I have nothing more to add..." He repeated this again even more solicitously. Since I did not know this pain-filled work at the time, I could not quite understand him.
Natürlich, Mme. de Noailles ließ auf sich warten, aber schließlich öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle erschien die «kleine ungestüme Gottheit» (wie Rilke sie später zu nennen pflegte). Es war die Zeit der riesigen Hüte und der langen, sehr engen Kleider. Der große dunkle, federnbeladene Hut konnte kaum durch die Tür. Geschnürt von oben bis unten, glich die Comtesse fast einer ägyptischen Statuette. Aber ich glaube, unser Dichter sah nur die großen schwarzen, gebieterischen Augen. Sie kam einen Schrift näher, blieb von neuem stehen und rief: «Herr Rilke, was halten Sie von der Liebe, was denken Sie über den Tod ?»   Naturally, Mme. de Noailles took her time, but the door finally opened, and on the threshold was this "small impetuous divinity" as Rilke liked to call her and later maintained. This was a time of enormous hats and long confining dresses. Her large dark hat loaded with feathers could hardly fit through the door. Laced from top to bottom, the Comtesse nearly resembled an Egyptian Statuette. But I rather think our poet saw only her large, dark, imperious eyes. She came nearer, stopped suddenly and inquired: "Mr. Rilke, what do you make of love, what do you think of death?"
Nur mit Mühe gelang es mir, ernsthaft zu bleiben; Rilke seinerseits war zunächst sprach- und fassungslos. Aber das alles dauerte nur einen Augenblick, und bald saßen wir einträchtig am Kamin. Mme. de Noailles, nun wieder ganz natürlich und entzückend wie immer, hatte, ich spürte es gleich, herausgefunden, welch einzigartiger Mensch ihr begegnet war. Ich selbst folgte mit äußerstem Interesse dem Gespräch der beiden Dichter, die sofort bis zum Innersten der Fragen vordrangen und sich mit bloßen Andeutungen verstanden. Es war zudem sehr interessant, den Deutschen und die Romanin zu beobachten. Ich, die ich beiden Rassen angehöre, merkte, wenn sie einmal aneinander vorbeisprachen. Beide lachten dann sehr, wenn ich sie wieder auf den rechten Weg zurückführte. Es war merkwürdig, als Mme. de Noailles dem Dichter klagte, wie schwer einem manchmal die formale Bewältigung eines Verses fallen könne, welcher großen Anstrengung es dazu oft bedürfe. Da schaute Rilke sie mit seinen großen Augen ganz erstaunt an. «Wie, Sie finden nicht, daß es zuweilen schrecklich schwer ist ?» fragte sie immer wieder. - «Aber nein, durchaus nicht... » Er schien das nicht verstehen zu können. Ich glaube, daß Mme. de Noailles diese Antwort nicht ganz ernst nahm. Erst als ich Rilke besser kannte, sah ich ein, wie ernst es ihm damit gewesen war. Denn er hat wohl nie eine Zeile ohne Inspiration und inneren Antrieb geschrieben. Er konnte dann nicht innehalten, und meist wußte er kaum, wie die Aufzeichnungen in dem kleinen Notizbuch entstanden waren, das er immer bei sich trug. Er hat es mir oft gezeigt, und ich staunte jedesmal, wenn ich die klare und reine Handschrift fast ohne jede Korrektur betrachtete.   I had to make every effort to keep myself from laughing; Rilke for his part was speechless and bewildered. But all this passed quickly, and soon we sat peacefully beside the fire. With Mme. de Noailles at ease and once again her delightful self, I new right away that I was in the presence of the most amazing people. I followed the discussion of the two poets, who quickly broke through to the heart of one of the questions, comprehending it with extreme subtlety. It was very interesting to observe the German and the Romanian. I, myself belonging to both races, pointed out moments when they misunderstood each other. They both laughed heartily when I attempted to set them straight. It was strange, when Mme. de Noailles the poet complained that accomplishing a formal work of verse was such a heavy burden- and about the enormous effort that was so often required. Atr this point Rilke looked at her, his large eyes gazing at her in amazement. "Don't you find that sometimes it is terribly difficult?" she asked again. - "No... Not so much." He didn't seem to be able to understand her. I think Mme. de Noailles didn’t take his answer seriously. Only because I knew Rilke so well did I understand just how serious he was, because he likely never wrote a line without inspiration and internal drive. He could not stop then, and he hardly ever knew how the writings developed in his small notebook that he always carried with him. He often showed it to me, and I was astonished each time as I noted the clear and pure handwriting with almost no correction.
Das Notizbuch trug er immer in der Tasche seiner bis an den Hals geschlossenen schwarzen Satinweste, - übrigens der einzigen Absonderlichkeit, die er sich eine Zeitlang gestattete. Sonst war seine Kleidung bei aller Einfachheit von letzter Korrektheit. Als Mme. de Noailles uns verließ, blieben wir zwei noch lange beisammen, Rilke noch ganz unter dem tiefen Eindruck, den er erfahren hatte. Aber dieses Zusammentreffen hatte ein fast komisches Ergebnis. Den Dichter erfaßte eine grenzenlose Furcht vor dem Einfluß, den Mme. de Noailles möglicherweise auf ihn gewinnen könnte. Nach dieser ersten Begegnung, die ihm soviel gegeben hatte, schrieb er an die junge Frau, daß er nun nicht mehr wagen würde, sich ihr zu nähern. «Sie verstehen», sagte er zu mir, «wenn ich sie öfters sehen würde, so wäre dies das Ende meines Ich, ich würde ihr Sklave werden und könnte nur noch ihr Leben leben.. .» Und Mme. deNoailles sagte mir halb lachend, halb erzürnt: «Oh, Ihr Dichter ist sehr liebenswürdig: er schreibt mir, nur um zu sagen, daß er mich nicht mehr sehen will. » Ich versicherte ihr, daß dies wohl die größte Anerkennung wäre, die Rilke ihr hätte zollen können. -   He always carried the notebook in a pocket of his dark satin waistcoat, - which, by the way, buttoned up to his neck, was a peculiarity he permitted himself for a while. Otherwise his clothes were neat and simple. When Mme. de Noailles left us, we two remained for a long time together, Rilke still completely under her profound spell. But this concourse had an almost absurd outcome. The poet was seized by a tremendous fear of the influence Mme. de Noailles might possibly have on him. After this encounter, which was his first to my knowledge, he wrote the young woman that he would not dare approach her again. "You understand", he said to me, "if I were to see her again, it would be the end of me- I would become her slave and could only live her life..." And Mme. de Noailles later told me, half laughing and half enraged: "Oh, your poet is very kind: he writes me only to tell me that he does not want to see me any more." I assured her that this was probably the greatest compliment Rilke could have paid her. -
Bald darauf schickte er mir einen Essay über dies gefährliche Wesen: «Die Bücher einer Liebenden», ein Werk, das ich für eine seiner erlesensten Arbeiten halte.   Soon thereafter he sent an essay to me about this dangerous nature: "Die Bücher einer Liebenden", a work which I still regard as one of his best.
Zwei oder drei Tage später reiste ich ab; bevor ich nach Böhmen zurückkehrte, hielt ich mich einige Zeit in Wien auf. Dorthin sandte mir Rilke ein kleines Buch, in dem ich diesen Essay fand; mit der Zeit kamen einige unveröffentlichte Gedichte dazu. Ich hüte es wie einen kostbaren Schatz.   Two or three days later I departed; before I returned to Bohemia, I spent some time in Vienna. There Rilke sent me a small little book in which I found this essay along with what were at the time some additional unpublished poems. I guarded it like a precious treasure.
Und so begann unser Briefwechsel, der siebzehn Jahre lang ohne Unterbrechung fortdauern sollte. Es zieht mir das Herz zusammen, wenn ich daran denke, mit welcher Freude ich immer seine feine Schrift sah, die so deutlich jenes Gefühl für Schönheit und Harmonie verriet, das ihn niemals verließ. Ich hatte nie eine Schrift gekannt, die auch nur ähnlich gewesen wäre. Daher meine Überraschung, als ich in einem Werk über die Kunst des 15. Jahrhunderts die Handschrift Raffaels sah, deren reine Schönheit und Vollendung mich sehr an die unseres Freundes erinnerte.   And so began our exchange of letters which would continue seventeen years without interruption. It touches my heart to remember that certain joy I always felt whenever I read his fine words which were always accompanied by a feeling of beauty and harmony which never left him. I had never known any other writing like this before. Hence my surprise when I first saw the art of the 15th century handwriting of Rafael, who's pure beauty and perfection reminded me very much of that of our friend's.